Mit der VSVI nach Görlitz 2014

In diesem Jahr führte die gemeinsame Frühjahrsexkursion der Bezirksgruppen Altmark und Magdeburg in den Südosten der Republik. Über den Tagebau Welzow Süd und das Kraftwerk Schwarze Pumpe in der Niederlausitz erreichten wir am Abend Görlitz, das wir am nächsten Tag noch erkundeten, bevor wir wieder Richtung Heimat fuhren.

Es ging also diesmal um Braunkohle, mit deren Rohform wir in den 60ern manchmal noch heizen mussten. Im Katastrophenwinter 1978/79 fror sie in den Waggons zu den Kraftwerken fest und es kam zu Stromausfällen. 1989 konnte ich noch vor der Wende mal einen Blick in den Westtagebau Garzweiler werfen und fand, dass auch in diesem Falle im Westen zwar fast alles größer, aber nicht unbedingt besser war. Bis dahin kannte ich nur den nach heutigen Maßstäben kleinen Tagebau Nachterstedt, der nach seiner Stilllegung 1990 traurige Berühmtheit erlang, als 2009 seine bebaute Südböschung abrutschte und mehrere Wohnhäuser mit in den sich langsam füllenden Concordia-See riss.

BeschreibungÜber die A13 mit Rast gegen 9:30 auf dem Kahlberg Ost erreichten die 11 Altmärker und 19 Magdeburger gegen 11:00 einen Aussichtspunkt in Welzow, von welchem aus wir den Tagebau in seiner gesamten West-Ost-Ausdehnung betrachten konnten. Am Horizont arbeitete sich auf der zweiten Ebene der Eimerkettenbagger 1285 Es 3150 im Vorschnitt durch den Abraum. Jenseits des Tagebaus konnte man in ca. 13km das Kraftwerk Schwarze Pumpe sehen, welches mit Kohle aus dem Tagebau gespeist wird und unser nächstes Tagesziel sein sollte. Ein gigantisches Bild.

tl_files/tib/content/beitraege/Vattenfall/thumb/Schaufelradbagger1519SRs6300-thumb.jpgDas war aber noch nicht unser Treffpunkt mit dem Tagebauführer. Wir mussten noch einige Kilometer auf der Werksstraße zum Haupteingang des Tagebaus fahren. Dort stiegen wir in einen riesigen Offroad-Lkw um (Mercedes-Benz Zetros 2733), der uns als erstes zum ebenfalls im Vorschnitt arbeitenden Schaufelradbagger 1519 SRs 6300 fuhr. Dieser Bagger zählt mit zu den größten Baggern der Welt und kann bis zu 14000m³ Abraum pro Stunde fördern. Dass dieser Riesenbagger tatsächlich auf seinen Raupen fährt, konnten wir mit eigenen Augen sehen.

tl_files/tib/content/beitraege/Vattenfall/thumb/Raupenfahrwerk-thumb.jpgZurzeit wird das 2.Lausitzer Flöz in einer Stärke von ca. 14m abgebaut, welches unter Abraum vom ca. 100m Stärke liegt. Deshalb wird in mindestens 2 Vorschnittebenen „abgeräumt“. Der Abraum wird mit Bandanlagen in den ausgekohlten Bereich des Tagebaus befördert und dort von Absetzern wieder verkippt. Die freigelegte Ebene hat die Anmutung einer Marsebene und wenn Wind aufkommt, könnte man fast „Curiosity“ erwarten.

Der Tagebau selbst ist ca. 54km² groß und vergrößert sich um 1-1.5km² pro Jahr. Rekultiviert wurden bisher 26km². Das Ende der Förderung ist für 2042 vorgesehen.

tl_files/tib/content/beitraege/Vattenfall/thumb/ImFloez-thumb.jpgNur vom Zetros aus (damit wir nicht den Hang hinunter stürzen) durften wir dann einen Blick von oben in den eigentlichen Kohleförderbereich werfen. Hier räumen zwei Eimerkettenbagger die letzte Lage ab und beschicken mit dem Abraum eine Förderbrücke, die diesen auf der gegenüberliegenden ausgekohlten Seite verkippt. Dazwischen arbeiten drei Eimerkettenbagger, zwei Schaufelradbagger samt Bandwagen und Bandanlage direkt am Flöz. Diese Ballung von Großgeräten ist ein grandioser Anblick.

Nachdem wir einen Überblick hatten, fuhren wir nun auch direkt in die Kohle, in das Flöz. Und wie sah es aus? Schwarz. Mit gefrästen Entwässerungsnuten am Böschungsfuß des steil angeschnittenen Flözes. Man zerbröselte einen Krümel Braunkohle, bestaunte den angeschnittenen prähistorischen Baumstamm im Flöz und mit der Fahrt zum Ausgangspunkt war die Führung beendet.

tl_files/tib/content/beitraege/Vattenfall/thumb/DieDamenInDerErstenReihe-thumb.jpgIn der blitzblanken, großen aber fast leeren Kantine durften wir noch Mittag essen. Anschließend posierten noch einige Damen für ein Foto auf der Riesenbank, auf der sie auch mal in der ersten Reihe sitzen durften.

Am frühen Nachmittag waren wir dann an den Toren des Kraftwerks Schwarze Pumpe.

Aus der Einführung an einer großen Umgebungskarte und einem Modell des Kraftwerkes erfuhren wir, dass das Kraftwerk nicht nur Strom aus zwei 800 MW Turbinen erzeugt, sondern auch Prozessdampf anfällt, der von der Brikettfabrik nebenan und einer Papierfabrik verwendet wird. Außerdem wird Fernwärme für die Ortschaften Hoyerswerda, Spremberg und Schwarze Pumpe bereitgestellt (20 MW als ich die Infotafel fotografierte).

tl_files/tib/content/beitraege/Vattenfall/thumb/ModellSchwarzePumpe-thumb.jpgUnd, weil ich gerade bei Zahlen bin:

        • - Jeder Block (es gibt deren zwei) erzeugt bei einer Brennkammertemperatur von 978°C 2420 Tonnen Dampf in der Stunde, die mit 547°C und 260 bar den Dampferzeuger verlassen
  • - Für die Kühlung laufen pro Stunde 66200m³ Wasser um

Wir wurden mit Funkkopfhörern ausgestattet, damit wir auch in lauter Umgebung die Erläuterungen unseres Führers vernehmen konnten und begannen unsere Besichtigungstour. 

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Es blieb uns kein Raum verschlossen außer der riesigen verglasten Schaltwarte, in der wir 4 Beschäftige vor den großen Displaywänden Dienst tun sahen. Selbst der Turbinensaal war nicht gesperrt sondern hatte sogar eine kleine Plattform, von welcher man die Turbine hätte arbeiten sehen können – wenn sie nicht voll verkleidet gewesen wäre, was irgendwie auch naheliegt.

tl_files/tib/content/beitraege/Vattenfall/thumb/FassadeKesselhaus-thumb.jpgZuerst aber fuhren wir auf das Dach des westlichen Kesselhauses in 164m Höhe über Grund, wo als Penthouse ein rundum verglaster Beratungsraum eingerichtet ist. Von hier aus hat man natürlich einen super Blick über das Gelände und die Umgebung. Die Scheiben waren mit den hinter ihnen zu sehenden Betriebs- oder Landschaftsteilen beschriftet. Der Fahrstuhl zeigte übrigens keine Etagen an, sondern die Höhe über Erdgeschoss. Bei 0.0m muss man raus.

 

tl_files/tib/content/beitraege/Vattenfall/thumb/Hoellenfeuer-thumb.jpg tl_files/tib/content/beitraege/Vattenfall/thumb/BlickInsHoellengfeuer-thumb.jpg tl_files/tib/content/beitraege/Vattenfall/thumb/DieSchwarzePumpe-thumb.jpg

Es gäbe noch viel zu berichten: vom Gipslager, dem Umspannwerk, dem Blick in die Feuerung, dem Rundgang durchs Kesselhaus, die Zertrümmerung der Kohle …

Mein Fazit:

  • Vattenfall demonstriert maximale Offenheit und wirbt um sachliches Wohlwollen
  • Die Technologien sind ausgereift und alles macht einen perfekten Eindruck
  • Es macht einfach Spaß zu sehen, was geht. Man steht neben den Riesenmaschinen und kann sich unterhalten (wenn ich’s richtig verstanden habe: u.a. getriebeloser Antrieb des Schaufelrades)
  • Es ist sauber. Die Fassaden der Kesselhäuser und Kühltürme sind 18 Jahre alt und noch nie gereinigt. Im Maschinenraum wurde das Schlagrad einer Mühle gewechselt. Für die Braunkohlenstaubschicht am Fußboden entschuldigt sich unser Führer: nach der Reparatur ist die gleich weg. Innen wird 2x im Jahr komplett gesäubert, …

Wenn schon Braunkohle – dann so.

tl_files/tib/content/beitraege/Vattenfall/thumb/AnDerNeisse-thumb.jpgUnd Görlitz? Ist schön. Aber das haben wir erst am nächsten Tag erfahren. Nach ausgiebigem Abendbrot im Bürgerstübl mussten wir natürlich noch auf die polnische Seite. Aber irgendwas in irgendwelchen Etablissements passte irgendjemandem nicht, so dass wir irgendwann eine von Kerzen beleuchtetes Bildnis von Karol Wojtyla passierend eine Brücke querten und im Hotel …

Der andere Morgen wird einigen, vielen, fast allen (?)  Görlitzern unangenehm im Gedächtnis verweilen. Unser Bus war kaputt oder der Driver, nun ja, er hatte vielleicht keine Ahnung oder ach was weiß ich. Jedenfalls fing der Bus mit allen Tonerzeugern an zu Alärmen. Der Driver konnte ihn nicht stillen – dann doch. Er wusste aber nicht warum. Dann ging es wieder los. In der Musik hieße es: da capo. Ich weiß nicht mehr, wie lange das ging. Meine Ohren schmerzten jedenfalls.

tl_files/tib/content/beitraege/Vattenfall/thumb/OestlichsterPunktDeutschlands-thumb.jpgDer Stadtrundgang führte entlang der „Filmkulissen“, der Neiße, durch die Innenstadt mit ihren wunderschönen, vom 2. Weltkrieg fast komplett verschonten, Sakral- und Profanbauten bis zum östlichsten Punkt Deutschlands.

Und an dieser Stelle soll auch der Bericht schließen mit dem obligatorischen und verdienten Dank an die Organisatoren.

 

Bruno Timme 2014